LUTHER UND DIE REVOLUTION DES iNDIVIDUUMS
Der Aufsatz untersucht den radikalen Pessimismus der Anthropologie Luthers, der den Menschen in das Zeichen des Individualismus versetzt, der die moderne und zeitgenössische Welt charakterisiert. Das Ende der Vorstellung von einer – auf dem Teleologismus zum Guten hin und auf der ontologischen Relationalität basierenden – naturgegebenen Geselligkeit der Menschen als verlässlichem Dreh- und Angelpunkt nicht nur des politischen, sondern auch des metaphysischen Denkens und das situationsbezogene und überstürzte Hervortreten von Leidenschaften als menschliches Konstitutivum sind Produkte der lutherischen Revolution. Als solche haben sie eine Pervertierung der – privaten wie öffentlichen – Vernunft in eine rein instrumentelle und utilitaristische befördert, deren Identifikation des Guten mit dem Nützlichen gewiss nicht unproblematisch war – und nicht ist. Während der emanzipatorische Effekt der lutherischen Revolution hinsichtlich seiner Implikationen und Nachwirkungen in den verschiedensten Gebieten – theologisch, historisch, sozial, politisch, ökonomisch – umfassend bedacht worden ist, findet man kaum Untersuchungen, welche die Effekte von Luthers anthropologischem Pessimismus erörtern. Dieser Pessimismus steht im Zusammenhang einer theoretischen ‚Schiene‘, welche sich aus der gegensätzlichen Polarisierung ergibt, die den neu von Luther abgesteckten Horizont durchzieht. Der unvermeidbare Konflikt zwischen einzelnen Menschen (also die ‚Künstlichkeit‘ der Politik), die grundlegend an der Selbsterhaltung orientierte Vernunft (und die Politik, die Ethik und das Recht), die individualistische und selbstreferenzielle Perspektive – diese Themen und Sachverhalte sind das Gegenstück zur vom Luthertum geförderten Freiheit und Autonomie des Menschen; ebenso wie der Prozess der Säkularisierung die Kehrseite der geistlichen Revolution Luthers ist.